Vom richtigen und falschen Wachstum

Die Wirtschaftspolitik ist die letzten Jahrzehnte in Deutschland vor allem um das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts gekreist. Es schien für viele die entscheidende Kennziffer zu sein, die über das Wohl und Wehe entscheidet. Und dem wurde das meiste untergeordnet.

Welche ökologischen, welche sozialen Folgen die Fixierung auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts hat, wurde häufig ausgeblendet. Mit teils paradoxen Folgen: Der Abbau einer Braunkohlelagerstätte und der daraus resultierenden Zerstörung der darüber liegenden Wälder, Felder und Dörfer aber auch die Verschmutzung der Atmosphäre mit der entsprechenden CO2-Menge gehen positiv ins Wachstum des Bruttoinlandsprodukt ein. Die Zerstörung von Umwelt und Klima werden schlicht nicht eingepreist.

In den vergangenen Jahren wurde die Kritik am Konzept des Wirtschaftswachstums immer lauter. Unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten, das kann auf die Dauer nicht funktionieren, so die Schlussfolgerung. Als Quelle des Übels für die ökologischen und sozialen Probleme gilt das Wirtschaftswachstum. Immer wieder wird die Forderung nach Nullwachstum erhoben.

Vor welchen Herausforderungen stehen wir?

Wenn wir unsere eigenen Lebensgrundlagen nicht vernichten wollen, müssen wir innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre aus dem Verbrennen von fossilen Rohstoffen aussteigen und zwar zu nahezu 100 %. Wir müssen aufhören, die Artenvielfalt zu zerstören. Wir brauchen die weitgehende Einführung einer Kreislaufwirtschaft. Es ist nötig, die Verschmutzung der Meere zu beenden und die Anreicherung unserer Umwelt mit Stickstoff massiv zu reduzieren.

Wo stehen wir momentan mit unseren Anstrengungen?

2019 lag der Anteil des Stroms aus erneuerbarer Energie lag in Deutschland bei rund 40 %. Bei der gesamten Energieversorgung – wenn man auch das Heizen und den Verkehr miteinbezieht – liegen wir bei einem Anteil der Erneuerbaren von gerade einmal 15 %.

Hilft uns ein Nullwachstum?

Selbst wenn wir in den nächsten Jahren kein Wachstum haben und der Energieverbrauch um 10 bis 20 % sinken würde, wären wir sehr weit entfernt von dem, was nötig ist, um unsere Lebensgrundlagen zu retten. Nullwachstum wird uns nicht helfen. Im Gegenteil: Wir brauchen ein massives Wachstum an der richtigen Stelle, allem voran bei den Erneuerbaren Energien. Nur so können wir aus den fossilen Rohstoffen aussteigen.

Viele Wachstumskritiker*innen sind ähnlich starr auf das Wirtschaftswachstum fixiert wie die Befürworter*innen. Dabei gilt zu bedenken: So wie ein hohes Wirtschaftswachstum nicht automatisch dazu führt, dass allen Menschen mittel- und langfristig gut geht, bedeutet ein niedriges Bruttoinlandsprodukt oder kein Wachstum noch lange nicht, dass sich das Land in eine ökologisch positive Richtung entwickelt. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ist in beiderlei Hinsicht die falsche beziehungsweise eine nicht ausreichende Kennziffer.

Welches Wachstum brauchen wir?

Um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten, benötigen wir ein schnelles Wachstum der Erneuerbaren Energien, der Kreislaufwirtschaft, einen Ausbau von Bus und Bahn sowie der Fußgänger- und Fahrradinfrastruktur. Der Anteil der ökologischen Landwirtschaft muss massiv steigen. Genauso wie der Anteil von Fahrzeugen, die keine Schadstoffe mehr ausstoßen. Wir müssen unsere Häuser energiesparsamer machen. Und die Industrien mit hohem Energieverbrauch müssen grundlegend umgebaut werden, allen voran die Chemie- und Stahlbranche. Gleichzeitig kommen wir nicht umhin, unsere Kohlekraftwerke und die Erdölnutzung rasch zurückzufahren.

All das müssen wir in den nächsten zehn Jahren angehen und innerhalb der nächsten 20 bis 25 Jahre vollenden. Dann haben wir alle Chancen unsere Lebensgrundlagen zu retten. Diese gigantische sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft wird riesige Investitionen benötigen – und letztlich wahrscheinlich sogar zu mehr Wirtschaftswachstum führen.

Doch das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts sollte nicht die entscheidende Zahl sein. Worum wir uns jetzt zu kümmern haben, ist der CO2-Ausstoß und die Anzahl der Arten, die wir gefährden und ausrotten. Diese Kennziffern sollten unser politisches Handeln leiten. Denn sie entscheiden darüber, ob in 20-30 Jahren ein lebenswürdiges Leben möglich ist.