Das Zeitalter des Anthropozän

Im Jahr 2000 haben zwei Wissenschaftler erstmals vom Anthropozän als einem neuen Erdzeitalter gesprochen. Sie wollten damit ausdrücken, dass inzwischen der Mensch der bestimmende Faktor für die Entwicklung unseres Planeten ist. Der Mensch hat einen erheblichen Teil der weltweiten Landflächen grundlegend umgestaltet, den Ph-Wert und damit den Säuregrad der Weltmeere verändert sowie die Zusammensetzung der globalen Atmosphäre. 

Machen wir uns also die Welt, wie sie uns gefällt? Leider nicht, denn wir greifen zwar tief in die Entwicklung unseres Planeten ein, sind dadurch aber nicht unabhängig von den physischen Lebensgrundlagen geworden. Im Gegenteil, wir sind weiter völlig abhängig von funktionierenden Ökosystemen, die uns zum Beispiel ermöglichen, Landwirtschaft zu betreiben.

Wenn es um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen, unserer Ökosysteme geht, gewinnt Wissenschaft eine neue Bedeutung für politische Entscheidungen. Es war schon immer klug, politische Entscheidungen aufgrund der Realität zu treffen. Wo dies nicht geschah, hatte dies auch in der Vergangenheit oft bittere Folgen für die Betroffenen dieser Entscheidungen. 

Im Anthropozän sind die Folgen aber noch einmal von einer völlig anderen Dimension – sowohl was die räumliche als auch die zeitliche Ausdehnung betrifft. Denn wir verändern gerade ganz grundsätzlich die Zusammensetzung der Erdatmosphäre. Wir haben seit Beginn der Industrialisierung den Anteil des Klimagases CO2 von 280 ppm auf inzwischen 415 ppm erhöht. Wir haben damit sehr grundsätzlich in den Wärmehaushalt des gesamten Planeten eingegriffen. 

In unserer Gesellschaft ist der Glaube verbreitet, dass eigentlich über alles verhandelt werden kann. Und ja, der Streit um das richtige Argument und das Finden von Kompromissen sind ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie. Die Naturgesetze hingegen lassen nicht mit sich verhandeln, die Strahlengesetze als Teil dieser ebenfalls nicht. 

Eine Folge der Erhöhung des CO2-Anteils in der Atmosphäre ist, dass es wärmer auf unserem Planeten wird. Das hat viele Auswirkungen. Eine davon ist, dass der Meeresspiegel steigt – und ich glaube nicht, dass es uns gelingen wird, erfolgreiche Kompromissverhandlungen mit dem Meeresspiegel zu führen. Den Naturgesetzen ist es völlig egal, ob man an sie glaubt oder sie leugnet. Sie gelten trotzdem und wirken auch auf die, die sie abstreiten. 

Da wir inzwischen ein solch dominierender Einflussfaktor geworden sind, haben wir eine völlig andere Verantwortung für die Folgen unseres Handelns. Im Anthtropozän entscheiden wir jetzt mit, welche Lebenschancen Menschen in 20, 30 und 50 Jahren haben (oder auch nicht), bei uns und weltweit. Deshalb müssen die Folgen, die politische Entscheidungen auf das Klima haben, deutlich stärker berücksichtigt werden. 

Wir können zwar nicht mit dem Meeresspiegel verhandeln, wir können allerdings entscheiden, welche Menge CO2 wir in Zukunft in die Atmosphäre einbringen. Sobald das CO2 in der Atmosphäre ist, gelten die Naturgesetze. Deshalb müssen wir die naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die über die letzten Jahrzehnte enorm angewachsen sind, ernst nehmen und entsprechend handeln. 

Politisches Handeln ist sehr selten alternativlos, aber auch selten ohne Konsequenzen. Wenn wir nicht wollen, dass viele Inselstaaten untergehen und Küsten überflutet werden, müssen wir den CO2-Ausstoß massiv reduzieren. Wer im Anthropozän politisch verantwortungsvoll handeln will, muss die naturwissenschaftlichen Realitäten ernst nehmen und anerkennen.