Das Präventionsparadox

Deutschland ist bisher im Vergleich zu einer ganzen Reihe anderer Länder relativ glimpflich durch die Coronakrise gekommen. Auch in Deutschland waren und sind zehntausende Menschen erkrankt. Über 9.000 Menschen sind bislang an Covid-19, der durch das Virus Sars-Cov2 ausgelösten Krankheit gestorben. Aber im Vergleich zu Brasilien oder USA sind deutlich weniger Menschen infiziert und verstorben. Außerdem kam es nie zur Überlastung der Krankenhäuser, anders als z. B. in der Lombardei oder in New York. Erreicht wurde das mit – im Vergleich zu anderen Ländern – relativ milden Maßnahmen. Die Hauptursache für den Erfolg ist, dass die Maßnahmen rechtzeitig ergriffen wurden. Ein entscheidender Grund dafür, dass die Maßnahmen bei uns rechtzeitig ergriffen wurden, war die schnelle Entwicklung von Tests durch die Arbeitsgruppe von Prof. Drosten an der Charité.

Bei einer exponentiellen Entwicklung kann es einen Unterschied von 40 Prozent an Infizierten ausmachen, ob eine Maßnahme 24 Stunden früher oder später ergriffen wird. Exponentielle Entwicklungen sind für uns Menschen schwer begreifbar. Und jetzt, da die Maßnahmen bisher so erfolgreich waren, fragen einige: War das wirklich alles nötig? Das ist ein Teil des Präventionsparadoxes, das wir auch regelmäßig bei ökologischen Problemen erleben.

In den 1980er Jahren war eines der zentralen ökologischen Probleme das Waldsterben. Damals gab es sehr düstere Prognosen. Erhebliche Teile unserer Wälder (aus ökologischer Sicht häufig eher Fichten- oder Kiefernforste) drohten abzusterben. Die Ursache für das damalige Waldsterben war die Verschmutzung der Luft durch Schwefeldioxid und Stickoxide. Durch die Luftfeuchtigkeit entstanden Schwefel- und Salpetersäure, die (neben der direkten Giftwirkung) zu einer Versauerung des Regens und der Böden führten. Die Bäume wurden nicht nur massiv direkt beschädigt, sie wurden auch deutlich anfälliger für Pilzkrankheiten und Insekten wie z. B. Borkenkäfer.

Aufgrund der wissenschaftlichen Warnungen und des massiven Drucks aus der Umweltbewegung verabschiedete der Bundestag damals eine ganze Reihe von Gesetzen um die Menge der Luftschadstoffe zu reduzieren. Kohlekraftwerke wurden entschwefelt und Katalysatoren wurden eingeführt. Die Schwefeldioxidemissionen sind in Deutschland zwischen 1990 und 2017 um sensationelle 94 Prozent gesunken.

Bis vor einigen Jahren bin ich regelmäßig darauf angesprochen worden, dass es mit der Klimakrise und vielen anderen ökologischen Problemen nicht so schlimm kommen werde. Es hieß ja auch, dass der Wald absterben würde und sei ja doch nicht so schlimm gekommen. Und es ja tatsächlich nicht so schlimm gekommen, wie prognostiziert. Die damaligen Prognosen fußten aber auf der Annahme, dass die Schadstoffe nicht reduziert würden. Vernünftigerweise entschieden sich die politisch Verantwortlichen aufgrund der Schäden, der wissenschaftlichen Berechnungen und des Drucks aus der Umweltbewegung die Ursachen des damaligen Waldsterbens zu beseitigen.

Etwas Ähnliches beobachten wir momentan bei der Coronapandemie. Die Prognosen waren richtig. Und wie man an der tragischen Entwicklung in den USA und Brasilien sehen kann, erfüllen sie sich auch, wenn politisch falsch oder nicht gehandelt wird.

Das Gleiche gilt übrigens auch für die Klimakrise. Die Klimaveränderungen sind für eine neue Form des Waldsterbens mitverantwortlich, das durch die zunehmende Dürre ausgelöst wird. Wenn wir die Klimakrise nicht in den Griff bekommen, wird der Wald in vielen Bereichen in Deutschland absterben.

Es kommt jetzt darauf an, weiter aufmerksam zu sein. In der Coronakrise, damit die Prognosen zur Überlastung der Krankenhäuser nicht Realität werden. Und wir müssen endlich entschieden die Klimakrise bekämpfen, damit die Prognosen zum großflächigen Absterben der Wälder sowie die vielen anderen Folgen der Erderhitzung nicht Realität werden.