Blitz, Donner und Corona

Nicht nur Trump und Bolsonaro, auch manche prominente Schriftstellerin und zuvor als progressiv wahrgenommene Publizisten und Theaterregisseure sind in der Coronakrise durch Aussagen aufgefallen, die das Virus und die davon ausgelöste Krankheit verharmlosen. Sie fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf, sich nicht mehr öffentlich zu äußern und sich aus der aktuellen Debatte zurückzuziehen.

Angriffe auf die Wissenschaft haben in den vergangenen Jahren leider stark zugenommen. Ob Corona- oder Klimakrise, wissenschaftliche Erkenntnisse werden geleugnet und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bedroht. Mittlerweile äußern sich sogar Menschen, die sich selbst als offen, modern und fortschrittlich verstehen, in solch einer Weise. Woher kommt die zunehmende Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnis?

Uns Menschen ist es in den vergangenen Jahrhunderten gelungen, die Natur immer besser zu entschlüsseln. Blitz und Donner sind kein Ausdruck mehr Ärger Gottes, sondern gut verstandene Naturphänomene. Seit gut 100 Jahren verstehen wir nicht nur die Natur weitgehend, sondern können auch viele Gefahren bannen. Krankheiten wie die Pocken, die früher für sehr viele Menschen den Tod bedeutet haben, haben wir dank eines Impfstoffes komplett ausgerottet. Anderen wie Cholera oder Pest, wurde mit Hygiene und Antibiotika den Schrecken genommen.

Dadurch ist scheinbar der Eindruck entstanden, wir hätten uns von den physischen Grundlagen des Lebens emanzipiert und alles wäre dem diskursiven Prozess zugänglich. Kurzum: Es wäre möglich, über alles zu verhandeln.

Sowohl während der Coronapandemie als auch in der Klimakrise wird allerdings deutlich: Dem ist nicht so! Mit dem Virus kann niemand verhandeln. Und mit den Strahlengesetzen und dem steigenden Meeresspiegel ebenfalls nicht.

Es klingt vielleicht komisch, aber diese Tatsache kann durchaus als Kränkung wahrgenommen werden. Die Gekränkten setzen sich nicht mehr mit der wissenschaftlichen Erkenntnis an sich auseinander, sondern greifen die Überbringerinnen und Überbringer der Erkenntnis direkt an und werten sie ab – in diesem Fall die Virolog*innen und Klimawissenschaftler*innen. An der Realität selbst ändert das nichts.

Man kann Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auffordern, öffentlich zu schweigen. Dem Meeresspiegel ist das egal. Er steigt trotzdem weiter und frisst Hektar für Hektar Bauernland, beispielsweise im Mündungsgebiet des Ganges, und vertreibt Tausende von Menschen.

Natürlich gibt es nicht die EINE Strategie, mit den Herausforderungen der Wirklichkeit umzugehen. Die Menge CO2, die wir in die Atmosphäre einbringen, kann auf unterschiedlichen Wegen reduziert werden. Diese Frage kann nicht die Wissenschaft alleine entscheiden, hier geht es dann auch um politische Gestaltung. Aber selbstverständlich können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an diesem Diskurs beteiligen, genau wie alle anderen Menschen auch.

Ein Diskurs lässt sich aber nur sinnvoll führen, wenn er in der Wirklichkeit verankert ist und nicht die Naturgesetze und ihre Folgen angezweifelt werden. Eben dafür brauchen wir die Erkenntnis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sie verständlich für die Öffentlichkeit erklären. Sie schaffen ein verlässliches Fundament für den Diskurs. Und dazu sollten wir sie ermutigen und nicht diffamieren, nur weil die Erkenntnis mancher oder manchem nicht ins eigene Welt- oder Selbstbild passt.